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Meine Familie zog häufig um. Als ich klein war, habe ich meine Eltern wohl einmal gefragt. „Mama, Papa, warum ziehen wir so oft um?“ Sie sagten, es liege am Geld. Wenn man oft umzieht, wird man reicher, sagte sie.
Ich weiß nicht mehr, in welchem Haus das war. Mein Vater ging oft mit Freunden wandern. Eines Tages war die Balkontür geschlossen. Dumpfe Schläge. Mit den Geräuschen huschte ein Schatten schnell über den Balkon. Was war das? Hatte ich die Tür geöffnet? Ich weiß es nicht mehr. Mein Vater sagte, er habe einen Feldhasen gefangen. Ich dachte immer, Hasen seien klein und niedlich. Aber ein Feldhase ist sehr groß. Ich erinnere mich an die massive Silhouette, die man durch das große Fenster zwischen Schlafzimmer und Balkon sehen konnte. Ich fragte meine Mutter und meine Schwester, aber sie erinnern sich nicht. Die Person, die mir eine Antwort geben könnte, ist nicht mehr auf dieser Welt. War der Feldhase wirklich auf unserem Balkon, oder habe ich geträumt?
Ich habe geträumt.
Zu dieser Zeit lag meine Mutter nach einer Operation im Krankenhaus. Meine Schwester und ich wechselten uns ab und schliefen oft auf dem Klappbett neben ihrem Bett. Während ich dort schlief, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass Wasser vom Boden her langsam anstieg. Ich wollte schnell meine Schuhe anziehen und fliehen, aber ich konnte keine Schuhe finden. Das Wasser stieg weiter, und ich wurde immer unruhiger. Als das Wasser die Matratze erreichte, dachte ich „Stimmt! Ich hatte ja eigentlich gar keine Füße. Ich brauche keine Schuhe.“ In diesem Moment wurde ich ruhig. Ich wachte auf und trug zwei unterschiedliche Socken.
Als ich sehr klein war, gab es ein Paar rosafarbene Socken, die ich heimlich allein im Zimmer trug. Wenn ich nur diese Socken trug, taten mir die Zehenspitzen sehr weh. Als Kind dachte ich „Ich bin doch keine Ballerina. Warum tun mir meine Füße so weh?“
Eines Tages rannte ich im Traum mit rosafarbenen Socken auf Rollen fröhlich durchs Weltall. Ich war sehr glücklich.
In der Oberstufe kritzelten wir mit Freund:innen abwechselnd in ein gemeinsames Notizbuch. Jede hatte ihre eigene Figur. Ich gab mir eine Figur, die mit einem schwarzen Stoff bedeckt war, in dem auf Augenhöhe Fenster ausgeschnitten waren. Ihr Name war „Mama“.
Ich habe geträumt.
Ich besuchte die Ausstellung von jemandem in Deutschland. Der Ausstellungsraum bestand aus langen, gangartigen Wänden, der Boden war mit Kies bedeckt. Wände und Boden waren überall mit Kritzeleien übersät. Ein Video lief wie eine Zeichnung, wie eine Kritzelei. Ein bekanntes Gesicht erschien. Wahrscheinlich eine frühere Freundin von mir. Sie sprach mit einer fremden Person. Sie sagte, die Arbeit wirke, als sei sie mit Installationen nicht vertraut und konzentriere sich zu sehr auf Bilder. Ich stimmte ihr halb zu, halb war ich unsicher. Der Bildschirm wechselte. Jemand sagte uns, wir sollten uns in einer Position hinlegen, in der es sich leicht sterben lässt. Wir legten uns auf den Kies, ordneten uns im Kreis an, wie tiefgefrorene Garnelen aus dem Supermarkt. Dann verbanden wir unsere Körper mit Ketten. Jemand forderte uns auf, unsere reine Gesinnung zu beweisen. Was für eine Gesinnung war das gewesen?
Ich habe geträumt.
Ich weiß nicht, ob es ein Zug oder ein Bus war, aber ich fuhr mit etwas irgendwohin. Es gab eine Verspätung. Mir war langweilig. Eine Servicekraft bot mir Essen an und reichte mir eine Speisekarte. Es gab ein Fleischgericht. Ich wusste nicht genau, was es war, und bestellte einfach. Man gab mir einen Teller mit einem Loch darin, sowie Messer und Gabel. Durch das Loch im Teller konnte ich meinen Oberschenkel sehen. Esse ich meinen Oberschenkel? Ich schaute mich um. Andere Menschen aßen ihre eigenen Oberschenkel. Also schnitt ich ein Stück ab. Es ließ sich überraschend leicht schneiden, wie eine rosa Wurst. Ich probierte es. Der Geschmack war besser als erwartet. Während ich aß, bemerkte ich, dass der Mann mir gegenüber nichts aß. Ich bot ihm mein Essen an. Er wirkte verlegen, zögerte, begann dann aber zu essen. Plötzlich färbte sich die geschnittene Stelle rot, und ich spürte Schmerzen. Mir wurde zunehmend schlecht. Ich fragte ihn, ob er noch mehr wolle. Er zeigte mit dem Kinn auf die anderen und sagte verlegen „Nein… es ist ja doch Menschenfleisch.“ Auch die anderen hörten fast alle auf zu essen und stellten ihre Teller ab. Mir wurde übel. Ich wachte auf, und mein Oberschenkel tat noch lange weh.
Ich lag mit freiem Oberkörper auf einem kalten OP-Tisch. Tumoren wurden aus meiner Brust entfernt. Dudududu. Klick. Dudududu. Klick. Ich sah zu, wie die herausgeschnittenen Klumpen an rotierenden Klingen vorbeigingen, durch ein Vakuumrohr gezogen und von der Maschine verschluckt wurden. Es ekelte mich. Ich dachte, ich hätte besser nicht hinschauen sollen. Doch lange nach der Operation fühle ich mich innerlich erleichtert. Manchmal jedoch sticht die operierte Stelle noch.
War der Feldhase wirklich da?